DAS 2.0 DER "NEUEN RECHTEN"

Im Spielfilm KNIVES OUT (PL 2016) von Regisseur Przemyslaw Wojcieszek geht es um Rassismus, Ausgrenzung und Nationalstolz.

Frame[o]ut-Redakteurin Britta Rotsch hat mit Natascha Strobl ein Interview geführt.

 

Foto © Przemyslaw Wojcieszek

Frameout: Im Film geht es um Ausgrenzung aufgrund von Nationalität. Gibt es diese klaren Ausgrenzungs-Muster, so wie sie in KNIVES OUT gezeigt werden?

Natascha Strobl: Es muss grundsätzlich schon eine jeder-gegen-jeden-Attitüde herrschen, die suggeriert wird. Selbst in einer hohen, sozialen Schicht wie zum Beispiel bei jungen Akademikern, die vielleicht weniger prekäre Lebenssituationen erlebt haben. Ich weiß noch selbst, wie das ist. Am Anfang meines Studiums war es kollegial. Die Leute sind da, studieren und kennen einander, sprechen miteinander usw. Gegen Ende des Studiums ist es dann so mittel lieb und die Freunde, die gemeinsam im Bachelor studiert haben, sagen plötzlich „Nein, ich borg’ dir mein Skript nicht“, „Nein, ich sag dir nicht, was da war“. Schon zu diesem Zeitpunkt beginnt nämlich der Kampf um die wenigen Arbeitsplätze und Praktika. Wer da die besten Chancen hat, ist klar: die, die nicht nebenher arbeiten müssen, die, die vom Elternhaus besser unterstützt werden, die keine Betreuungspflichten haben, keine pflegebedürftigen Eltern haben usw. Das heißt, es ist ein kapitalistischer Verteilungskampf und der passiert nicht im luftleeren Raum, sondern er begünstigt Ausgrenzungsmechanismen, die es ohnehin schon immer aufgrund von Geschlecht, Sexualität, Hautfarbe und Klasse gegeben hat. Die Ausgrenzung ist schon im System angelegt.

Frameout: Wer sind die „Neuen Rechten“ auf die sich KNIVES OUT bezieht?

Natascha Strobl: Es sind eloquente, honorige Personen, die gut in den konservativen Lagern ankommen. In den 1980ern sind sie zum ersten Mal als die „Neue Rechte“ groß geworden. Zentral für sie war damals die deutsche Zeitung „Die Junge Freiheit“. Mitte der 2000er Jahre verlor die Zeitung an Bedeutung für die Szene und eine jüngere Generation hat die Bewegung übernommen. Ihre Niederlage empfanden die „Neuen Rechten“ nicht wie angenommen nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern im Jahr 1968 mit der Befreiung der Frauen und durch die Studierendenproteste. Diese Kulturrevolution fand insofern auch ihren Niederschlag, dass Leute aus armen Familien und vermehrt auch Frauen studieren konnten. Die Uni ist ein sehr elitärer Raum und all das wurde den „Rechten“ damit genommen. Das war ihr 2.0.

Frameout: Wie finden diese Bewegungen ihre Anhänger?

Natascha Strobl: Das Netz ist ganz wichtig und eines der wichtigsten Rekrutierungstools. Wenn man sich zum Beispiel die „Identitären“ anschaut, die leben von Social Media. Sie machen das geschickt und sind nicht mehr darauf angewiesen, was Zeitungen über sie schreiben. Sie machen ihre eigenen Wahrheiten und die verbreiten sich hunderte und tausende Male. Jetzt ihre Aktion im Mittelmeer (Anm.: Um flüchtende Menschen aus Europa fernzuhalten). Die Leute, die sich aus Österreich, aus Schweden, aus Deutschland aufgemacht, die ein Schiff angemietet haben und jetzt irgendwo im Mittelmeer herumtuckern, nirgends anlaufen dürfen und lahmgelegt einen Motorschaden hatten und selbst Hilfe brauchten. Aber sie reproduzieren heldenhafte Bilder und die werden tausende Male geteilt. Man kann mit Worten dagegen argumentieren, aber das wird weniger schnell erfasst. So leben sie online über das Visuelle. Auf Facebook Twitter, Instagram und Co.

Aus Weinseligkeit wird Feindseligkeit in Knives Out © Przemyslaw Wojcieszek

 

Frameout: Der Spagat im Journalismus schein hierbei schwierig. Auf der einen Seite muss darüber berichtet werden, sonst wirkt es so, als sei nichts passiert und andererseits kann ein Bericht rasch zu Propaganda werden. Wie damit umgehen?

Natascha Strobl: Es gibt zwei Haltungen bei Journalist*innen, wie man über „Neue Rechte“ spricht. Die Eine ist einfach unreflektiert und nimmt ihnen Interviews ab, druckt ihre Bilder ab und tut so, als wäre das neutral, was es nicht ist. Die Andere fragt sich, warum überhaupt mit denen reden und sie nicht ignorieren, weil sie dann von alleine weggehen. Beides ist falsch und es gibt auch einen dritten Weg: Kritisch berichten, Aussagen demaskieren, sie nicht so groß wirken zu lassen, wie sie sich selbst darstellen und nicht ihre Bilder und Fotos übernehmen.

Frameout: In KNIVES OUT eskaliert die Situation. Die Polarisierung scheint vorerst in der Sprache angelegt zu sein. Warum bleibt es nicht bei Wortgefechten?

Natascha Strobl: Neonazis, Rechtsextreme, Faschisten kennen nur eine Sprache und die ist Gewalt. Gewalt ist inhärenter Bestandteil dieser Ideologie. Auch die, die nicht selbst Gewalt ausüben können oder wollen, tragen diese durch ihre Sprache, ihre Präsenz weiter. Nationalsozialismus ist eine Vernichtungsidee. Es geht darum, die anderen zu vernichten. Das hat die Geschichte gezeigt, das ist aber auch in jeder Phrase, die sie verwenden, in jedem Bereich ihrer Ideologie, angelegt. Wenn ich jemanden nicht mehr als Menschen sehe, dann will ich, dass dieses „Ungeziefer“ vernichtet wird, auch wenn ich es nur schreibe oder gar nur denke. Im Wahlkampf werden diese Worte dann verstärkt verwendet und daran wird angeknüpft und ohne Distanzierung davon, ist dies ein erster Schritt zur Vernichtung. Es beginnt ja nicht mit Konzentrationslagern, es beginnt nicht mit Völkermord, es beginnt mit Sprache, in der Diskussion oder damit, dass Leute sich kennzeichnen müssen oder gekennzeichnet werden und es beginnt damit, dass den Leuten Rechte weggenommen werden. Auf dieser Eskalationsstufe machen nicht nur Nazis mit, die bis zum Schluss gehen wollen, sondern auch Konservative und Liberale. Sie wollen vielleicht nur die ersten zwei, drei Schritte gehen, in dem sie sagen, „nein, wir wollen aber nicht, dass Muslime das und jenes bekommen“ oder „sie müssen sich speziell registrieren“ oder „Religionsunterricht sollen die keinen haben“. Da ist man schon mit dabei auf der Eskalationsschiene und es spielt den „Rechten“ in die Hände, die einfach in ihrer Ideologie bis zum Schluss gehen wollen.

Frameout: In KNIVES OUT versagen Argumente um zu deeskalieren. Ist das Irrationale der wichtigste Bestandteil von radikalen Bewegungen?

Natascha Strobl: Rechtsextremismus basiert natürlich auf irrationalen Ideen. Er ist eine Glaubenssache, eine Gefühlssache. Die Antirationalität beim Rechtsextremismus ist schon im Früheren angelegt, denn auch an „das Volk“ muss geglaubt werden. Beim Klassenkampf im Marxismus zum Beispiel funktionierten die Ideen auf ökonomischen Vokabeln. Es geht um Verteilung und um Gerechtigkeit. Es geht nicht um „wir bringen jetzt alle Fabrikbesitzer*innen um, weil sie das personifizierte Böse sind“. Es gibt zwar Gruppierungen, die stellen das so dar und es gibt große Debatten innerhalb der Linken inwiefern man etwas zuspitzen darf oder nicht. Aber da geht es um Rollen im System. Fabrikbesitzer*innen haben eine Rolle, aber sind nicht genetisch das Böse. Wenn der Kapitalismus überwunden ist und es eine klassenlose Gesellschaft gibt, dann soll auch der, der vorher eine Fabrik besessen hat, in dieser Gesellschaft leben können. Und darum geht es ja, um das Zusammenleben.

Selfie von Natascha Strobl mit ihrem Baby

 

Natascha Strobl (*1985) hat in Wien Politikwissenschaft und Skandinavistik studiert und mit einer Arbeit zur Neuen Rechten abgeschlossen. Sie hat sich als Sachbearbeiterin an der ÖH Uni Wien intensiv um die antifaschistische Schulungsarbeit im Verband gekümmert und betreibt den Blog „Schmetterlingssammlung“.

 

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